Édouard, eigentlich Eddy, will nicht arm sein und hungern und auf neue Kleidung verzichten, und will nicht ein Leben lang auf vergessenen 5 km2 französischer Provinz vom Haus, in die Schule, in die Fabrik ausdauerlaufen, und will nicht ein Leben lang sein Begehren nach anderen Männern verstecken müssen, Édouard will… eigentlich alles andere als ein anderer sein. Er will dazugehören. Aber er steckt fest. Er steckt fest im Schicksal einer Klasse, eines Milieus, eines Status. Er steckt fest in der Notwendigkeit, sich zu verändern, um seinem Ursprung zu entkommen. Sein Ursprung, der seine Familie ist, seine Arbeiterfamilie, sein Vater. Aber nicht sein Vater zu werden, das Gegenteil des Vaters zu werden, ihn gänzlich hinter sich zu lassen, ihn möglichst abzusägen vom Stammbaum einer schicksalhaften Biografie, das geht doch nicht. Selbst in der grabentiefen Ferne zwischen der Heimat im Proletariat und dem Exil in der Bourgeoisie, bleibt der Vater ihm nah. Eine negative Omnipräsenz, der man sich wie dem eigenen Schatten nie wirklich entziehen kann und vielleicht auch nicht wirklich will. Denn ist da nicht auch Sehnsucht und Zärtlichkeit?
„Es gibt Dinge, die sind trashy, wenn du arm bist, aber classy,
wenn du zu den Überwohlständigen gehörst.
1. Daydrinking – Alkoholismus
2. Sabbatical – Arbeitslosigkeit
3. Eine Spendengala veranstalten – Betteln
4. Vanlife – Z*****
5. Minimalismus – Mittellos
6. Secondhand – Kleiderkammer
7. Bilingualität – Nicht integriert
8. Sammeln – Horten
9. Shabby Chic – Ranzig
10. Mindfulness – Faulenzen
11. Food Saving – Tafel
12. Tiny House – Trailerpark
13. Boho Look – Unordentlich
14. Kinder kriegen – Sozialleistung sichern
15. Sich etwas gönnen – Verschwenderisch sein
16. Chaotisch – Schmutzig
17. Steuerstricks – Stehlen
18. Strategisch – Hinterlistig“
Also, trashy oder classy… Was ist der Unterschied? Oder der feine Unterschied – wie Pierre
Bourdieu es nennt, in seiner Analyse zur Reproduktion der Klassengesellschaft, durch von einer bestimmten sozialen Umgebung geprägte erlernte Verhaltensmuster? Der Unterschied, der nicht messbar ist am Konto- oder Berufsstand, aber irgendwie fühlbar am Inhalt des Bücherregals, am Appetit auf Gänseleberpastete und dem Wissen, dass das im französischen Foie gras heißt. Der Unterschied, der den Mann mit der Echt-Gold-Rolex am Handgelenk beim Eintritt in das Fünf-Sterne-Restaurant verrät, allein durch seine Körperhaltung. Die Zuschreibung Arbeiterklasse oder – ungeschönt und hinter vorgehaltener Hand – Prolet. Der Unterschied, den wir performen, wie Judith Butler es nennt, wenn wir durch Handlung Realität erzeugen, wenn wir durch eine spezielle Art spezielle Räume, wie
das Theater, speziell betreten und somit zu einem speziellen Ort machen. Das kulturelle Kapital. Das Wissen um den guten Ton, die richtige Haltung und die Relevanz dieses Wissens an sich. Der Kanon. Denn um zum Bürgertum wirklich dazuzugehören, reicht kein Bürgertum-Einkommen. Es muss sich darüber hinaus einem Kodex des Bürgertums zufolge erwartbar verhalten werden. Es muss dir auf den Leib geschrieben sein, in den Leib. Das ist
der feine Unterschied. Aber was bedeutet das? Was für einen Unterschied macht es denn wirklich, zu performen, zu zeigen, zu behaupten, Bourdieu und Butler so gut zu kennen, dass sie in diesen Text eingebettet werden können, beispielsweise? Ist gerade das, dieser Text, nicht ein Indiz, dass der nicht materielle Unterschied, der rein performative, der angeeignete, derjenige ist, der keine wirkliche Bedeutung hat? Weil der eigentliche Unterschied, der wirklich einen Unterschied macht, der Zugang zu diesem Text ist, der Eintritt, den es kostet, in das Theater zu gehen, das ihn verteilt. Oder ist auch das zu einfach? Denn in das Theater geht es auch per Sozialkarte; was sich viele leisten könnten, aber, falls sie überhaupt darum wissen, vielleicht gar nicht wollen, weil sie sich nicht gemeint fühlen. Das heißt der rein materielle Fakt und die soziale Prägung potenzieren sich gegenseitig in einer Wechselwirkung, die die Umstände, die sie hervorruft selbst immer wieder herstellt. Das Hamsterrad des Kapitals, in dem auch unser Protagonist emsig Kreise abrennt. In dem Roman ‘Anleitung ein anderer zu werden’ von Édouard Louis begleiten wir den Autoren und Erzähler auf einem schmerzhaften Transformationsprozess von der französischen Prekariats-Provinz am Rand der Gesellschaft ins Zentrum der Pariser Elite zwischen Adel und Großunternehmertum. In seiner autobiografischen Erzählung wird die Gewalt einer Zwei-Klassen-Gesellschaft von der soziologisch distanzierten Theorie in die faktische Brutalität des realen Lebens versetzt. Mit einer unaufhaltsamen Getriebenheit trainiert sich der Außenseiter Eddy Bellegeule durch die Aneignung eines überragenden Intellekts in die Ideale einer Oberschicht hinein.
Natalja Starosta